Was ist Zeit?

Der Twitter-Flow ist für mich wieder ein handverlesener RSS Feed in meinem Reader, die Masse an Flickr-Friend Bildern im RSS Ordner wird nach dem Finden des ersten guten Bildes wieder auf Null gesetzt, aus meinem Facebook habe ich alle Menschen ausgeladen, die ich noch nie in meinem Leben gesehen habe, Myspace verwende ich überhaupt nicht mehr, der Blogcounter wurde auf meinen Seiten entfernt, weil es mich nicht mehr interessiert, welche IP-Adresse mich wann und wie lange gelesen hat.

In der Tat hat mich chatten immer gestresst (obwohl ich mit meiner Tipp-Geschwindigkeit selbst oft Stressfaktor lieber FreundInnen gewesen bin), telefonieren ist für mich ebenso ungeheuer anstrengend. Ich mag es einfach nicht, wenn mir die Zeit der Reflexion vorbestimmt wird und meine Antwort sofort kommen muss. Es gibt in dieser Welt IMMER etwas abzuwägen und selbst die eigene Identität ist ein fragiles Stückwerk an diversen Meinungen, die untereinander abgestimmt werden müssen. So muss ich zugeben, dass ich den Tumblr liebe - er ermöglicht mir mein Tempo für meine Gedanken. Diktat - setzen.

Die Prioritäten verschieben sich, die Disziplin wird der Schlüssel zur Freiheit.

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Wortgewaltig #1

So sollte man seine Rechnung wohl nicht formulieren:

Vorerst ein herzliches Danke für Deinen Auftrag und die angenehme Zusammenarbeit. Nach getaner Arbeit folgt nun der nächste Schritt. Wie vereinbart erlaube ich mir, folgenden Betrag in Rechnung zu stellen.

Es ist widerlich, wie Selbstverständlichkeiten heute zu einem “großen Ding” gemacht werden und somit auch ganz normaler Geschäftsverkehr zu einer heuchlerischen und überladenen Bittstellerei. Ja, es gibt erbrachte Leistung, ja, dafür bekommst Du auch Dein Geld, ja, dafür gab es einen Werkvertrag und ja, in unserem System kann man mit großer Wahrscheinlichkeit davon ausgehen, dass Verträge eingehalten werden.

Wenn aus den logischen Schritten A>B>C>D ein Dehnen und Strecken stattfindet nach der Art, die “Welt ist böse”; “ich muss auch von etwas leben” oder “ich muss meinen armen Kunden darauf vorbereiten, dass er jetzt seine Schuld zu begleichen hat” … dann führt dieses Zelebrieren von Nettigkeit zu einer falsch verstandenen (zeitgenössischen) Auffassung von Vertrauen und Verantwortung.

So überschreitet diese Formulierung das normale Maß an Höflichkeit, es impliziert einen (leider oft anzutreffenden) Habitus, der gerade in der kreativen Industrie des öfteren suggeriert wird: Ich mache das, was mir Spaß macht, ich mache es gut und am Ende muss ich froh sein, wenn ich dafür Geld bekomme und … ich muss eigentlich ein schlechtes Gewissen haben, weil meine Leistung eigentlich nicht soviel wert ist, weil sie mir “Spaß gemacht hat”, weil es “angenehm war”, weil es eine “lästige Notwendigkeit” ist. Wenn wir so denken, werden wir das Grundeinkommen nie verstehen und damit die große Chance auf Umsetzung der interessantesten Utopie der letzten 100 Jahre verpassen.

Es läuft alles schief, weil die Menschen keine Eier mehr haben. Und das sollte man ihnen auch so direkt ins Gesicht sagen.

P.S. Sehr schön in diesem Zusammenhang ist auch dieser Artikel im telepolis, das ähnliche Worthülsen des Jahres 2009 zerpflückt. (“Schatz, Dein Wording ist nicht okay.”)

Schicht um Schichtung

Ein großes Problem unserer Zeit liegt in der Undurchsichtigkeit des Wesens der Dinge. Mechanismen und Kausalzusammenhänge sind verschlüsselt, virtuell oder verdeckt. Dies fiel mir insbesondere beim Mediensektor auf: Die Zeitung. Es ging einmal um Auflage und Verkauf, auch um eine Vielzahl von Abonnenten. Diese Zahlen sind auch heute noch wichtig, aber nicht für den direkten Umsatz, sondern für die Preise der Anzeigen.

Natürlich waren Anzeigen schon immer ein gutes Geschäft auf dem Papier, aber die Dynamik der Promo-Industrie hat sich so weit verselbständigt, dass Zeitungen ihrem Wesen nach keine Informations- sondern Werbeträger geworden sind. Ein Extrembeispiel sind Gratiszeitungen. Sie sind die Spitze dieses Eisbergs. Es ist ein ganz kleiner Schritt gewesen, die Grenze war fast nicht zu erkennen, aber inzwischen ist es offenbar, dass sich die Seite eindeutig gewechselt hat: Es wurde ökonomische Mode, Dinge nicht mehr zu verkaufen, sondern sie zu verschenken, um den Kunden in der Zeit “danach” an sich zu binden.

Ich bin mir nicht mehr so ganz sicher, ob mit dieser Entwicklung Karl Popper’s Optimismus bezüglich der gesellschaftlichen Entwicklung noch angebracht ist, ob eine weitere Ebene der Komplexität wirklich zu einem MEHR an Zivilisation führt bzw. der Preis dafür ist. Mehr und mehr sehe ich in der Verschleierung der Wege des Profits eine Möglichkeit, Menschen zu binden oder unbewusst zu beeinflussen und diese Form von Fortschritt verschiebt die Kräfteverhältnisse der Macht wieder zur Elite der Wissenden.

Das große Problem daran ist, dass die Vermittlung des Systems an Menschen und nachfolgende Generationen zusehends kompliziert wird und Theorien der Verschwörung wieder Platz finden können, weil der Mangel an dem Potential zur Selbstermächtigung führt zur Machtlosigkeit und Resignation. Ich will hier nicht Adler’s “Minderwertigkeitskomplex” beschwören, der letztendlich wieder eine Ausrede für Totalitarismus war, sondern plädiere einfach nur für mehr Ehrlichkeit und Wahrheit innerhalb des Systems.

Zeitungen sollten zugeben, wie abhängig sie von Anzeigen sind und nicht eine Unabhängigkeit vortäuschen, wo keine ist und “gratis” sollte nicht mehr als “umsonst” gelten, sondern als freiwillige Konfronation mit Gehirnwäsche. Dann würde man erkennen, dass man sich eine Freiheit von “Werbe-Smog” teuer kaufen müsste, und dass Bildung und Freiheit in dieser Gesellschaft immer noch eine Frage des Geldes und der Herkunft sind und dann würde der Schein der zeitgenössischen und kapitalistischen Interpretation von “Gleichheit” schnell verblassen und man würde die Ungerechtigkeit wieder offen sehen und bekämpfen können.